ÖP(W)Z 1954 – Das erste moderne Führungskräfteseminar in Österreich

Wir müssen ein Seminar machen!

Ein Sommertag des Jahres 1953 in Wien 1: Baurat Dipl.-Ing. Josef Lienert, damals Geschäftsführer des Österreichischen Produktivitäts-Zentrums (heute ÖPWZ), hat wieder "einen Ami" im Büro. "Lindner!" erschallt sein Ruf. Der junge Psychologe erkennt in dem riesenhaften Dr. Gordon L. Lippitt den Überbringer einer besonderen Botschaft: Die Begegnung ist der Beginn moderner Management-Seminare in Österreich. Schon im Jahr darauf hält er für das ÖPZ das erste moderne Führungskräfte-Seminar in Österreich - eine Zäsur in einem nach dem Zweiten Weltkrieg entwicklungsbedürftigen Land.

Zuerst hätten sie nur Bahnhof verstanden, sein damaliger Chef und er, erzählt Hon.-Prof. Dr. Traugott Lindner (1923 - 2013), dem ÖPWZ. Der Marshall-Plan, der Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbauen sollte, brachte amerikanische "Wirtschaftsmissionare" nach Österreich, die modernes Managementwissen verbreiten sollten.

Lindner fuhr also in die USA, um sich in die Methoden der Gruppendynamik einzuarbeiten, nahm an Seminaren teil und setzte schon im Februar 1954 seine Erkenntnisse in Österreich um. Das erste moderne Führungskräfte-Seminar sollte dennoch nicht in Wien stattfinden. Wegen der Zonenaufteilung Österreichs hielt man es für sicherer, vom russischen Besatzungsgebiet in das "amerikanische" Linz auszuweichen.

12 österreichische Führungskräfte aus Wirtschaft, Verwaltung, Arbeitnehmervertretung und NGOs, die Lindner ausgewählt hatte, stellten sich einem Team aus amerikanischen Psychologen und Trainern, angeführt von Dr. Leland P. Bradford. Trotz eines Tiefs während des zweiwöchigen Seminars - einige Teilnehmer fühlten sich wie vom CIA beobachtet - war es ein einschlagender Erfolg "und uns hat es Spaß gemacht", wie Lindner berichtet.

Rollenspiele, das Verstehen des Standpunkts anderer, standen im Mittelpunkt. Ein neues Verständnis von Funktionen in einem sozialen Gefüge war die Folge – eine Abkehr von gewohnten hierarchischen Organisationsstrukturen ebenso. Dies erschreckte nicht nur so manchen Funktionär, sondern auch manch patriarchalisch eingestellten Unternehmer. "Wir haben an der Autorität geknabbert", sagt Lindner rückblickend. Erst durch das österreichische Beispiel konnte auch in anderen europäischen Ländern gruppendynamisches Training eingeführt werden.

Die Schlüsselfunktion des Österreichischen Produktivitäts-Zentrums für die Geschichte moderner Führungskräfte-Seminare ist laut Lindner darin begründet, dass die Institution bereits über ein umfangreiches und anerkanntes Schulungsprogramm für die Wirtschaft verfügte. Der Rest sei Glück gewesen, wohl auch Leistung, aber auch der mutige Schritt durch eine sich gerade öffnende Tür.