Nachlese: HR-Spring-Special 2014

Die Lehre hat Zukunftspotential!

Lehre als Wegweiser in ein erfolgreiches Berufsleben braucht mehr Wertschätzung - und erfordert mehr Engagement seitens der Politik und der Sozialpartner.

Kurz gefasst: Schon Aristoteles bemerkte missbilligend, dass "die Jugend den Luxus liebt, schlechte Manieren hat, Autoritäten verachtet ... schwatzt, wo sie arbeiten sollte ... und ihre Lehrer tyrannisiert." Mit ähnlichen (Vor-)urteilen kämpfen heutzutage nicht nur viele potentielle Lehrlinge - auch die Lehre selbst ist von einem massiven Imageverlust betroffen.
Zu Unrecht, wie die vier DiskussionsteilnehmerInnen am HR-Spring-Special 2014 einhellig feststellten: Zwar müssen Unternehmen immer öfter dafür sorgen, dass Schulabgänger basale Kulturtechniken "nachlernen", und ebenso oft gilt es, auch familiäre Defizite im Rahmen der Lehrlingsausbildung auszugleichen. Doch das in Österreich erfolgreich etablierte duale Ausbildungssystem hat europaweit Vorbildcharakter. Und in jenen Unternehmen, die aktiv und nachhaltig Verantwortung für Ihre Auszubildenden übernehmen, liegt die Erfolgsquote bei den Lehrabschlussprüfungen weit über 95 Prozent.

Am 25. März 2014 lud das Forum Personal im ÖPWZ seine Mitglieder zum traditionellen HR-Spring-Special ein. Dr. Georg Horacek, Senior Vice-President Human Resources OMV AG und Präsident des Forum Personal, eröffneten die Abendveranstaltung im "Gold Fassl Magazin" der Ottakringer Brauerei. Auch heuer nützten wieder 80 Mitglieder, befreundete HR-Profis und viele der "young professionals" die informelle Atmosphäre in dieser Event-Location zum Informations- und Erfahrungsaustausch.
Heidi Aichinger (der Standard) moderierte die Diskussionsrunde. Neben ihr am Podium: Gabriele Aurednicek (Lehrlingsbeauftragte Wiener Stadtwerke Holding AG), Dr. Georg Reiser (Head of Corporate Human Resources voestalpine AG), KR Jörg Schielin (Leiter der SPAR Akademie) und LSchI Mag. Rudolf Toth (Landesschulrat für NÖ).

Gabriele Aurednicek: "Wenn Jugendliche gut betreut werden, bleiben sie auch dem Unternehmen treu."

Sie gilt als Grande Dame der Lehrlingsausbildung in Wien und liebt, was sie tut: Jahr für Jahr rund 100 Jugendlichen die Chance zu geben, in einem der vier Konzernbereiche der Wiener Stadtwerke eine Lehrlingsausbildung zu absolvieren. Tatsächlich sei es schwieriger geworden, so Gabriele Aurednicek, interessierte, begabte und lernwillige Jugendliche zu finden. Von 2000 BewerberInnen schaffen es gerade einmal 5 Prozent. Doch wer nach der strengen Vorselektion eine Lehrstelle angeboten bekommt, hat allerbeste Aussichten: für die Lehrabschlussprüfung gibt es hausintern spezielle Vorbereitungskurse; die Übernahmequote nach abgeschlossener Lehre liegt bei rund 80 %. Auredniceks größter Wunsch: Dass Politik, Medien und Sozialpartner das Image der Lehre so stärken, dass nie wieder ein Jugendlicher von seinen Eltern hören muss: "Für die Schule bist du zu dumm - also bleibt nur eine Lehre."

Jörg Schielin: "Es liegt an den Unternehmen, soziale Verantwortung für die Jugend wahrzunehmen."

Bei Österreichs größter privater Handelskette gibt es für Lehrlinge nach erfolgreich bestandener Prüfung sogar eine Übernahmegarantie. Im Rahmen der Seminare zur Prüfungsvorbereitung werden auch Defizite aus der Berufsschule ausgeglichen. Denn dort, so Jörg Schielin, gäbe es gerade im Handel bei vielen Lehrern (und Prüfern) qualitätsmäßig "noch viel Luft nach oben". Wer sich weiterbilden will, wird bei SPAR besonders gefördert. Mit Herbst 2014 startet die neue, von Akademieleiter Jörg Schielin mitinitiierte "Berufsakademie" für den heimischen Handel. Voraussetzung dafür: abgeschlossene Lehre, 2 Jahre Praxis, ein bestandenes Aufnahmegespräch und Englischkenntnisse auf A 2-Niveau. Nach 2 Semestern tragen die AbsolventInnen dann den Titel "akademischer Handelsmanager"; nach 4 Semestern einen Master of Science hinter ihrem Namen. Und gehören damit nicht trotz, sondern aufgrund ihrer "Lehrzeit" zur akademisch gebildeten Elite des Landes.

Georg Reiser: "Die Wortwahl macht den Unterschied: Lehrling klingt einfach nicht cool!"

Lehre mit Matura oder mehr sei eine gute Idee, ist auch Georg Reiser überzeugt. Allerdings weist er darauf hin, dass dieses Konzept für Unternehmen finanzielle Risken birgt: 70.000 Euro kostet ein Lehrplatz im Durchschnitt. Ein enormer Verlust, sollte der Jugendliche nach abgeschlossener Ausbildung nicht als Facharbeiter im Unternehmen bleiben, sondern auf die Universität wechseln. Viel wichtiger als eine Aufwertung der Lehre durch Zusatzoptionen scheint ihm aber die Imagefrage: "Lehrling klingt einfach nicht cool. Noch schlimmer ist die Lehrlingsentschädigung - wofür in aller Welt soll denn da jemand entschädigt werden? Für seine Ausbildung? Für die Chance auf einen zukunftsträchtigen Beruf?" Die meisten Herrscher der Habsburgerdynastie, so Reiser, hätten eine Lehre absolviert - und seien stolz darauf gewesen. Diesen Stellenwert müsse die Lehre wieder bekommen – nicht zuletzt mit Hilfe neuer, zeitgemäßer Begriffe, die bei Jugendlichen positiv belegt sind.

Rudolf Toth: "Um das duale Ausbildungssystem werden wir international beneidet."

Schon heute gibt es für bestimmte Lehrberufe kaum mehr Nachwuchs - und ein Blick auf die demografische Entwicklung legt nahe, dass sich Nachfrage und Angebot in einigen Regionen eklatant auseinanderentwickeln werden. Während Ausbildungen in High-Tech-Berufen wie Gleisbautechnik boomen, fehlt es an Lehrlingen in der Gastronomie und in der Baubranche. Dort, wo interessierte Jugendliche auf engagierte AusbildnerInnen treffen, sei die Zufriedenheit allerdings auf beiden Seiten hoch, berichtet Rudolf Toth mit Hinweis auf eine aktuelle Studie aus Niederösterreich. Daher plädiert der Landesschulrat vehement dafür, das System der dualen Ausbildung trotz aktueller Probleme nicht krank zu reden. Und berichtet stolz über die jüngsten Berufsweltmeisterschaften, bei denen Österreichs Lehrlinge weltweit unter den "top ten" landeten - und die Riege der europäischen Staaten als "number one" anführten.